Billigfleisch-Exzess am Bahnhof Sarajevo

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SARAJEVO WOCHENENDE

Die Fahrt zum Busbahnhof verging wie im Flug. Vorbei ging es an alten Olympia-Sportstätten aus den Winterspielen 1984 und Neonreklamen, die der Stadt einen gewissen Cyberpunk Flair verleihen. Unser Ziel, der Busbahnhof, befindet sich direkt neben dem Bahnhof in Sarajevo. Dieser wurde zu Zeiten Jugoslawiens als großer Verkehrsknoten konzeptioniert und entsprechend groß dimensioniert – heute fahren nur wenige Züge hier los. Praktisch für uns, denn dadurch gab es genug kostenlose Parkplätze zur Auswahl!

Da unsere Freundin noch eine Weile unterwegs war, hatten wir erstmal noch gut 1 Stunde Zeit. Richtiges Timing war hier schwierig – ohne EU-Roaming und mit mangelnder Mobilfunkverbindung aus dem Bus heraus konnte man immer getrost plus/minus 1h bei jeder Zeitangabe dazurechnen. Unsere Zeit nutzen wir, um den Bahnhof näher auszukundschaften. Großstadtbahnhöfe kennen wir sonst nur als trubelige, dubiose Umschlagplätze für Drogen und als Touri-Massenabfertigung inkl. überteuerten Snacks und Fastfood. Nicht Sarajevo. Einen so ruhigen und sauberen Bahnhof haben wir selten gesehen. Wahrscheinlich liegt das auch daran, dass wir uns die riesige Bahnhofshalle nur mit einer weiteren verlorenen Seele teilten. Keine Leuchtreklame, keine klickernden Anzeigetafeln, keine Verkaufskiosks, keine Menschenmassen, kein Graffiti, Gestank oder Geschrei… Nichts, außer eine tickende Uhr in der Mitte der Halle… das Ganze hatte eher die Atmosphäre eines Lost Place.

Als wir uns Richtung Gleistunnel begaben, kam uns dann plötzlich doch eine große Gruppe junger Bosnier, still, aber zügig, aus dem Tunnel entgegen. Schnell flüchteten wir die ersten Treppen zum Bahnsteig hoch und sahen dort einen noch dampfenden, alten Dieselzug, der die paar Dutzend Leute hier wohl gerade abgesetzt hat. Viel mehr gab es hier dann aber auch nicht zu sehen, weshalb wir wieder zurück Richtung Bahnhofshalle gingen. Genauso schnell wie das Grüppchen Menschen eben eingetroffen ist, waren sie inzwischen schon wieder weg…

Auch wir zogen weiter – bei einem kleinen Schlenker zum Auskundschaften des weniger mysteriösen Busbahnhofs fanden wir auch eine einladende Cevaperia (wie Pizzaria, nur eben mit Cevapcici statt Pizza). Dort verbrachten wir die restliche Wartezeit und schlugen uns die Mägen voll. Sobald wir wussten, dass das Restaurant auch Euros akzeptiert, konnten wir hier getrost Teller um Teller deftig leckeres Cevape nachbestellen. Dazu gibt’s Fladenbrot und genug Zwiebeln bis man die eigene Fahne nicht mehr riechen kann. Das Restaurant war etwas urig und gut gefüllt – auch die lokale Polizei hatte einige Tische belegt. Trotz unserer drei Teller Cevapcici plus Nachspeisen und Getränke sind wir hier bei nur ca. 10€ pro Person geblieben – traumhafte Preise. Was da für eine Fleischqualität dahinter steht, möchten wir aber lieber nicht wissen…

Während wir noch mit der Nachspeise beschäftigt waren kam dann auch der Bus an, auf den wir gewartet haben. Zu dritt ging es dann wieder im Auto zurück nach Norden in die verschneiten Berge. Obwohl der Tacho stets ein paar Km/h über dem Tempolimit stand, bekamen wir ständig von hinten Lichthupen. Die Erste ignorierten wir, aber bei der Zweiten kam dann bei mir die Sorge auf, es würde etwas mit unserem Heck nicht stimmen. Nach der dritten Lichthupe, diesmal von einem uralten Lastwagen, gings kurz raus auf den nächsten Parkplatz um nochmal alle Lichter durchzuchecken. Alles paletti. Sind wir den Bosniern wohl einfach zu langsam unterwegs…! Denen kann es wohl trotz ächzender, alter Schrottkisten gar nicht schnell genug gehen! Ruhigen Gewissens ging die Fahrt auf bekannter Strecke weiter.

Zurück in unserem vorübergehenden Zuhause klang der Abend dann noch gemütlich aus und wir zogen uns irgendwann für die Nacht in unser eiskaltes Zimmer zurück. Die kühlen Außentemperaturen und die nicht-existente Heizung ließen uns sichtbaren Nebel atmen. Wir wollten der Kälte einfach mit Pinguin-Taktik trotzen – also Kuscheln. Hierfür mussten wir erstmal die zwei Einzelbetten zu einem großen Bett zusammenschieben. Selbst dann sollte es allderings schwierig werden mit Kuscheln: aus irgendeinem Grund waren die beiden Matratzen unterschiedlich hoch. Als ich mich dann noch probeweise mal aufs Bett setzte, gab die Matratze weitere 10cm nach… Jetzt waren die Matratzen nicht nur nicht gleich hoch – meine war dazu noch stark abschüssig. Ein Blick unter die Matratze offenbarte: ein Lattenrost der an einem Ende nur noch von gepfuschten Verstärkungen gehalten wird, am anderen Ende schon halb eingebrochen war. So wie der Rest des Hauses in Schuss war, wunderte das dann auch nicht weiter. Aber bei genügend Müdigkeit ist einem jeder Schlafplatz recht und so verbrachte ich die Nacht in Schieflage, eingerollt in zwei Paar Socken, T-Shirts und einen dicken Pulli.

Das zu erwartende Abschiedsgeschenk aus Bosnien folgte wenige Tage nach dem Rückflug: erstmal eine Woche Erkältung – zumindest war das Thema dann für diese Erkältungssaison auch abgehakt.

Tag 2

Ferienhaus mit Vorgeschichte