Bosnische Hieroglyphen bei Bakici

Posted by:

|

On:

|

Die Straßen nach Bakici zu unsere Unterkunft, waren überraschend gut in Schuss. Anfangs kamen wir entsprechend sehr gut voran. Nur bemerkten wir langsam, wie die Straße sich immer weiter nach oben schraubte. Nach halber Strecke schauten wir dann ganz verdutzt aus dem Fenster: Schnee! Damit hatten wir nun wirklich nicht gerechnet! In den Tagen vor dem Abflug hatten wir immer wieder die Wettervorhersage gecheckt und rechneten mit regnerischen 8 bis 10 Grad. Dass “etwas außerhalb von Sarajevo” da noch einen großen Unterschied machen würde, hätten wir nicht gedacht. Aber in dem Fall heißt “etwas außerhalb” eben auch ca. 400 Meter höher!

Hätte Anna das gewusst, hätte sie wohl auch ihre Winterjacke eingepackt. Da meine männliche Garderobe sowieso nicht viele Abstufungen zwischen “kalt” und “warm” kennt, griff ich beim Packen eh zur Winterjacke – was für ein Glück! Andere hat es da noch viel härter erwischt: eine aus der Gruppe kam direkt aus dem kroatischen Strandurlaub angereist. Im Gepäck: Sommerkleider und Bikini…

Aus anfänglicher Ungläubigkeit wurde kurz Schock, dann aber auch Staunen. Der Anblick der verschneiten, dichten Nadelwälder und der geschwungenen Straßenserpentinen war ein echtes Winterwunderland! Ein großer Kontrast zum milden, herbstlichen Deutschland, aus dem wir kamen.

Mitten im Nirgendwo lotste das Navi uns dann abprupt von der gut ausgebauten Straße auf einen unscheinbaren Feldweg. Die Abfahrt war so unscheinbar, dass wir erstmal dran vorbei gebrettert sind und fix mit einem Geisterfahr-Manöver zurücksetzen mussten! Mit etwas Unsicherheit und viel blindem Vertrauen ins Navi ging’s über die Schlagloch-Schotterpiste an einem Müllcontainer vorbei durch den bosnischen Wald. Schnell gab es zum Glück wieder erste Anzeichen von Zivilisation: Weidezäune und Wegweiser. Und kurz darauf fanden wir auch unser Ziel:

Ein geräumiges, alleinstehendes Ferienhaus auf einem kleinen Grashügel, umgeben von Weideland und Wäldern. Was für ein idyllischer Anblick! Also auf ins warme Stübchen – ein Großteil der Gruppe ist früher angereist und wartete vermutlich bereits.

Nun ja – beim Eintreten merkten wir schnell: von einem warmen Stübchen kann man nicht ganz sprechen… man erklärte uns noch während der Begrüßungsrunden, dass die Heizung wohl eher schlecht als recht funktioniere. Zumindest in den Räumen, in denen es überhaupt Heizkörper gab… und mehrere Stromausfälle gab es wohl auch schon. Vermutlich weil die notdürftig angeschmissenen Heizlüfter aus dem Badezimmer zu viel Strom gezogen haben…

Worauf haben wir uns da bloß eingelassen, fragte ich mich?!

Wir bezogen kurz unser Zimmer – leider eines derer, die überhaupt keinen Heizkörper hatten – und machten es uns erstmal mit etwas Tee im Wohnzimmer gemütlich. Dank des Kamins war es der einzig richtig warme Raum im Haus.

Bei einem kleinen Spaziergang erkundeten wir als Gruppe erstmal unsere Umgebung. Eine kleine Kapellenruine samt übrigen Altar diente unserem Gastgeber hier als praktisches Rednerpult, um uns sein berufsbedingtes, vorübergehendes Aufenthaltsland etwas näher zu bringen. Hier also ein sehr kurzer politischer Exkurs – wer da keinen Bock drauf hat überspringt es einfach:

POLITISCHER EXKURS

Der Bosnienkrieg von 1992–1995 entstand aus dem Zerfall Jugoslawiens und entwickelte sich zu einem der härtesten Konflikte Europas nach 1945. Die drei großen Gruppen – Bosniaken, Kroaten und Serben – kämpften um Territorien, Identität und politische Kontrolle. Nach schweren Belagerungen, Vertreibungen und Massakern setzten die USA Ende 1995 in Dayton ein Ende des Kriegs durch, indem sie die Konfliktparteien zu einem Verhandlungsergebnis drängten, das vor allem Stabilität sichern sollte. Das Abkommen schuf einen Staat mit zwei Entitäten, drei konstitutiven Völkern und stark aufgeteilten Machtstrukturen. Viele Ebenen der Verwaltung, eine hohe Staatsquote und häufige Blockaden lassen das Land oft wie einen “failed state” wirken. Gleichzeitig ist die internationale Präsenz groß, vor allem durch europäische Institutionen. Der angestrebte EU-Beitritt bleibt seit Jahren ohne wirkliche Fortschritte und gilt als wenig realistisch.

Einige von uns haben sich im Laufe des Wochenendes auch noch eine kurze arte Doku zu Bosnien reingezogen – dort wurde die Situation wohl so verzwickt und aufgeladen dargestellt, dass sie sich kurzerhand das Ziel gesetzt haben unseren Gastgeber dort wieder raus- und zurück nach Deutschland zu holen!

Von der Kapelle ging es erstmal in den Wald hinein. Im Gegensatz zu heimischen Wäldern ist der Wald in Bosnien deutlich weniger gepflegt und dadurch auch unberührter, naturbelassener und mystischer. Pilze und Moos sprießen aus umgestürzten Bäumen und Farne säumen den Wegrand. Als wir nach einer kurzen Schleife wieder aus dem Wald kamen, trafen wir höchst überrascht auf eine kleine Gruppe ungarischer Touristen. Praktischerweise sprach eine von ihnen sogar deutsch! Sie seinen hierher gekarrt worden um einen Obelisken zu bestaunen. Der ist uns auf Maps auch schon aufgefallen, und nachdem die Ungarnin meinte er sei nicht mehr weit, dachten wir uns wir werfen da auch mal einen Blick drauf.

Wer sich jetzt gigantische Obeliske aus dem alten Ägypten vorstellt, wird leider etwas enttäuscht sein: ob der mannshohe Obelisk jetzt ein must-see ist, sei dahingestellt. So richtig zu deuten wussten wir die Hieroglyphen auf dem Obelisken auch nicht – uns erinnerten die Spiralen v.a. an eine Art Ur-Börek: Käse-gefüllte Blätterteigschnecken, typisch für den Balkan. Von hier ging’s dann wieder zurück in die gute Stube. Der Tag war für uns allerdings noch nicht vorbei. Ein letzte Freundin im Bunde fehlte noch und würde in einigen Stunden am Busbahnhof in Sarajevo eintreffen. Anna und ich erklärten uns bereit sie abzuholen und so zog es uns erneut raus in die inzwischen dunkle Kälte.

immer noch Tag 1

Billigfleisch-Exzess am Bahnhof Sarajevo